Zivildienst
Nils genoss eine pazifistische und vor allem eine christliche Erziehung. Das ist auch der Grund, warum er heute noch in seiner evangelischen Kirchengemeinde in Düsseldorf-Gerresheim aktiv ist. In seiner Freizeit praktiziert er Gruppenarbeit und begleitet Gemeindefahrten. Nachdem er im Juni letzten Jahres sein Abitur gemacht hat, muss Nils zur Musterung. Für ihn steht bereits fest, dass er den Wehrdienst verweigert. Er bemüht sich um eine Zivi-Stelle in seiner Gemeinde. Da in seiner Kirche drei Zivildienststellen eingerichtet sind, und eine davon unbesetzt ist, richtet er seinen Vorschlag an das Bundesamt für Zivildienst und bekommt die Stelle ohne weitere Probleme.
So begann er im September seinen 15 monatigen Dienst, der folgendermaßen aussieht: Nils geht morgens um acht Uhr ins Pfarrhaus zu seinem Vorgesetzten, den Pastor der Gemeinde und verrichtet dort eine Stunde Büroarbeit. Anschließend beginnt seine Hauptbeschäftigung: Einkaufen. Das bedeutet, dass er alte, alleinstehende Menschen, vorwiegend Frauen, mit Lebensmitteln versorgt. "Diese Menschen können zwar in ihren eigenen vier Wänden leben, aber sie können nicht mehr einkaufen gehen. Wenn es uns (Nils und die zwei anderen Zivis in der Gemeinde) nicht gäbe, müssten sie ins Altenheim", so Nils. Zwölf alte Menschen, fast alle über 80, sind von ihm abhängig. Für die meisten geht er zweimal in der Woche einkaufen, für andere einmal. Eigentlich geht er zu allen ganz gerne, auch wenn einige "einen gewissen Spleen" besitzen. "In diesem Alter hat man das Recht, ein paar Macken zu haben", meint Nils, der sich selbst als recht tolerant einschätzt.
Nils arbeitet täglich (Montag bis Freitag) von acht Uhr bis 17 Uhr, worin wie gesagt eine Stunde Büroarbeit sowie anderthalb Stunden Mittagspause enthalten ist, den Rest der Arbeitszeit verbringt er mit Besorgungsgängen, etwa drei bis vier pro Tag. Nach 17 Uhr trifft er sich mit Freunden, spielt Squash oder geht seiner religiösen Kirchen- und Gruppenarbeit nach, was er während der Dienstzeit nicht darf. Dahinter steckt der Gedanke, dass Nils die Kinder und Jugendlichen in Bezug auf ihre Entscheidung zwischen Wehrdienst und Verweigerung beeinflussen könnte. Spät- und Feiertagsdienst braucht Nils nicht zu schieben. im Gegensatz zu manch anderem Zivi. Bis 23 Uhr muss er in seiner Dienstwohnung sein. Nils muss laut Gesetz eine Wohnung, die von der Kirche gestellt wird, bewohnen, auch wenn sein Elternhaus ganz in der Nähe ist. Mittags geht er dort essen, am Wochenende wohnt er auch bei seinen Eltern, wo er noch sein Zimmer hat.
Warum hat Nils den Wehrdienst verweigert? "Der Zivildienst ist sinnvoller als der Bundeswehrdienst, weil ich sozial benachteiligten Menschen helfen kann, über die Runden zu kommen", antwortet Nils. Als offiziellen Verweigerungsgrund gab er an, dass er im Ernstfall "keinen anderen Menschen abknallen" könnte. Das vermutet er jedenfalls, denn sicher, wie er sagt, kann man nur sein, wenn man sich einmal in solch einer Situation befand, und eine solche hat Nils natürlich noch nie erlebt. Diesen und noch andere Gründe musste er in der sogenannten schriftlichen Darlegung der Beweggründe, einem zusammenhängenden und selbst formulierten Text, darlegen. Ferner musste er seinen Lebenslauf verfassen und sein persönliches Führungszeugnis beim Bundeskriminalamt anfordern und vorlegen. Zivildienst kann man nur leisten, wenn das Zeugnis keine Vorstrafen aufweist Dass der Wehrdienst nur zwölf Monate dauert, findet Nils ungerecht. Zivildienst sei genauso schwer wie der bei der Bundeswehr, meint er. Daher sollte er auch nur so lang dauern wie der Wehrdienst. Die drei Monate weniger bei der Bundeswehr sind seiner Meinung nach der Hauptbeweggrund der meisten, Wehrdienst zu leisten. Er kennt kaum jemanden, der zur Bundeswehr geht, weil er es gut findet. Einige seiner Bekannten sehen den Dienst eher als Pflicht und nehmen die zwölf Monate Bundeswehr eher als die 15 Monate Zivildienst in Kauf. Zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau in Bezug auf Bundeswehr beziehungsweise Zivildienst, sprich, ob auch Frauen eingezogen werden, sagt Nils, dass er es richtig fände, Gleichheit in diesem Punkte zu fordern, da man es in fast allen anderen Punkten auch tut. Problematisch sei der Wehrdienst für Frauen natürlich schon, weil Kasernen und Wehrübungen auf weibliche Soldaten abgestimmt werden müssten. "Aber im Zivildienst kann ich mir das sehr gut vorstellen", meint Nils. "Gerade im Bereich, in dem Zivis arbeiten, wer den noch unheimlich viele Leute gebraucht. Und warum sollten dort nur Männer tätig sein?"
Dass es die allgemeine Wehrpflicht überhaupt gibt, und keine freiwillige Berufsarmee, findet Nils schon wichtig. "Die jungen Leute machen immer weniger etwas freiwillig, es sei denn, sie haben etwas davon." Das bekommt Nils aus nächster Nähe durch seine ehrenamtliche Kirchenarbeit zu spüren. Auch als er damals Hausaufgabenbetreuung für ziemlich wenig Geld gemacht hat, stieß er bei Gleichaltrigen, die zum Beispiel im Supermarkt jobbten, auf Unverständnis. Nils tat es aber weniger des Geldes wegen, sondern vielmehr um anderen zu helfen. "Wenn ich viel Geld hätte verdienen wollen, hätte ich mir einen anderen Job ausgesucht."
Beim Zivildienst bekommt er circa 850 Mark pro Monat. Abgesehen davon, dass er seinen Job auch freiwillig machen würde, schaden Nils finanziell gesehen diese 15 Monate kaum. In seiner Bankkaufmannslehre, die er nach dem Zivildienst beginnen wird, wird er nur etwa 100 Mark mehr verdienen. Anders sieht es da bei Freunden aus, die bereits im Beruf waren und nun Zivil- oder Wehrdienst leisten müssen. "Für die ist das schon ein ganz schön großer Einschnitt." Letztere trifft also die vom Staat genommene Zeit von 15 beziehungsweise 12 Monaten schwerer.
Nils empfindet die 15 Monate nicht als gestohlene Zeit. Zunächst hatte er einmal genügend Zeit um zu Überlegen, was er später beruflich machen wird. Außerdem sammelt er während dieser Zeit eine Menge Erfahrung, vor allem mit alten Leuten, mit denen er sich ja sonst nicht so sehr beschäftigt. Ab und zu bleibt er auch noch nach den Einkäufen bei seinen "Patienten" und hört ihnen einfach zu, da sie in vielen Fällen keinen anderen Gesprächspartner haben. Auf diese Weise bekommt er eine Menge Lebenserfahrungen und Schicksalsgeschichten zu hören. Schicksale erfährt er auch am eigenen Leibe. So sind während seiner Dienstzeit bereits zwei alte Menschen gestorben. "Da sitzt einem schon für ein paar Tage ein Kloß im Hals."
Zum Schluss sei gesagt, dass Nils mit seiner Entscheidung zu verweigern nur gute Erfahrungen gemacht hat. Das äußert sich vor allem in der Akzeptanz von Freunden, Bekannten und Verwandten. Niemand stempelt ihn als Drückeberger ab. Das liegt wohl auch daran, dass Zivildienst mehr und mehr als Alternativdienst und nicht als "billigen" Ersatzdienst angesehen wird. Von zwanzig Jungen in Nils ehemaliger Schulklasse gingen lediglich zwei zur Bundeswehr. Der Trend geht also zum Verweigern über; Bundeswehr ist out.
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