Wehrdienst
Für viele Menschen besteht die Bundeswehr nur aus hohlen, schießwütigen Saufköpfen. Nummerierte Igelköpfe, die im Ernstfall zu unberechenbaren und gefährlichen Mördern werden. Christian Schmitke, ehemaliger Gymnasiast und Wehrdienstleistender, schildert uns seine Erfahrungen beim Bund.
Als Christian mit 17 Jahren den Musterungsbescheid bekommt, stellt er ihn erst zurück, da er die Schule mit Abitur beenden will. Nach der zehnten Klasse geht der 19 jährige dann aber ab und meldet sich freiwillig zur Musterung. Diese dauert fünfeinhalb Stunden und beinhaltet acht Stationen. Am Anfang stehen Hör- und Sehtest an. Christian trägt eine Brille. Dann folgen weitere ärztliche Untersuchungen: Die Zähne werden gezählt, die Muskeln vermessen und getestet. Unangenehm wird es spätestens beim Intimbereich. "Du wirst auch auf Hämorrhoiden geprüft", erzählt Christian, "insgesamt werden halt deine Mängel und Vorteile besehen und aufgeschrieben." Bei Christian ist alles in Ordnung. Wegen seiner Brille wird er nicht Tl, sondern T2 gemustert. Den zweiten Teil der Musterung nennt Christian "Idiotentest". Sechs oder sieben Stunden muss man dabei am Computer Aufgaben aus verschiedenen Bereichen hauptsächlich Mathematik und Sprache lösen. "Der Test fängt einfach an und steigert sich langsam, teilweise ist die Zeit begrenzt. Dieser Test hat natürlich Sinn, da du nicht einen Idioten auf einen wichtigen Posten setzen kannst. Das heißt umgekehrt aber nicht, dass alle Leute mit einer schlechten Stellung unintelligent sind. Doch über die meisten Aufgaben lachst du dich kaputt, selbst wenn du bei anderen wieder gut nachdenken musst."
Von seinem Wunsch, zur Luftwaffe zu gehen, hat Christian "Gott sei Dank" abgesehen und ist jetzt froh, bei den Feldjägern zu sein. "Die haben eine gute Ausrüstung, man bekommt die neuesten Sachen und genießt Vorteile, die man erst später bei der Stammeinheit erkennt."
65 Kilometer von Dänemark entfernt, absolviert er seine dreimonatige Grundausbildung. "In dieser Zeit hast du nichts zu sagen, sondern wirst einfach unterdrückt. Es gibt nur ein Wort: Jawohl, jawohl und noch mal jawohl!" Man lernt, wie man sich im Gelände zu verhalten hat. Bei Tag und Nacht, mit Geräusch- und Lichttarnung. Auch taktische Zeichen gehören dazu: "Wenn der Feind in der Nähe ist, kannst du ja nicht 'Stellung!' schreien."
Montags werden er und seine Kameraden um vier Uhr zum Geländetag geweckt und müssen 30 Kilometer mit 15 Kilogramm Gepäck und dem Gewehr zum Übungsplatz marschieren. "Es geht in der Dunkelheit über die Feldwege." An anderen Tagen machen sie Waffenübungen. "Du lernst schießen mit verschiedenen Waffen: Panzerfaust, MG, Pistole, und du wirfst Handgranaten, natürlich entschärfte." Mehrmals in der Woche pauken die Feldjäger Paragraphen aus dem Grundgesetzbuch. "Einen Tag hast du Sport und läufst dir die Füße platt. Danach stinkst du wie ein Esel. Nach dem Duschen heißt es dann wieder antreten. Die prüfen deinen Anzug, und dein Schuhputz muss perfekt sein. Du kannst dich auch nicht kritisch äußern. Es kommt ganz selten vor, dass sie dich nach deiner Meinung fragen." Das Schlimmste ist die 200 Meter lange Hindernisbahn. Am Anfang robbt man nur in der Grunduniform durch die Gräben und unter Stacheldraht hindurch, wälzt sich im Schlamm und überwindet Mauem. Später trägt man dabei sein Gepäck und das Gewehr . "Manchmal musst du einzeln durch, manchmal im Team. Nach zwei Malen ist man schon fertig. Wenn du es nicht in der vorgegebenen Zeit schaffst, fängst du wieder von vorne an." Oft müssen Christian und die anderen auch ihre Gewehre auseinandernehmen und wieder zusammensetzen.
Christians Vorstellungen und Ahnungen von der Bundeswehr haben sich nicht bestätigt. "Die Übungen sind viel schlimmer als erwartet. Es gibt aber auch viel Abwechslung. Man hat gar keine Zeit, sich zu langweilen. Du lernst ein bisschen Überleben. Mit meinen Kameraden komme ich gut aus. Der Zusammenhalt ist groß. Viel getrunken wird auch nicht, man muss schließlich wieder früh raus und fit sein. Nach der schrecklichen Grundausbildung kommt man in seine Stammeinheit. Es wird überraschenderweise lockerer. Manche Vorgesetzte, bis auf die hohen Tiere natürlich, duzt man sogar."
Drei Kameraden von Christian müssen die Grundausbildung aber wiederholen, da sie sich beim Unterricht in den Übungen oder vom Benehmen her nicht qualifiziert haben. Sie bleiben weitere drei Monate in der Hölle, der man nur am Wochenende entkommen kann.
Christian ist beim ersten Feldbataillon 720 stationiert, als Stabsarbeiter in der ersten Kompanie. Offiziere des Stabes erledigen viele Dinge für die anderen Kompanien wie zum Beispiel Personalzuteilung und andere Planungen. Nach einer sechswöchigen SGA - Spezialgrundausbildung - bekommt man in seiner Kompanie eine Aufgabe zugeteilt. "Die SGA fordert einen nicht so sehr. Die Aspekte der Grundausbildung werden wiederholt, und es ist fast jeden Tag das Gleiche." Christian Schmitke ist im Stab als Kommandeursfahrer vorgesehen.
Der typische Arbeitstag von Christian sieht nun wie folgt aus: Er steht um fünf Uhr auf, um sich zu duschen und fertig zu machen, dann setzt ihn sein Vater auf dem Weg zur Arbeit an der Kaserne ab. Es bleiben noch 40 Minuten, um zu frühstücken und um sich eventuell noch umzuziehen, falls man in Zivil ist. "Beim ersten Mal habe ich eine halbe Stunde gebraucht", gibt Christian zu. Um zwanzig vor sieben tritt Schütze Najberg dann in der Kompanie an. Die Anwesenheit wird überprüft, und um sieben Uhr sitzt er im "Geschäftszimmer", nimmt Faxe an, beantwortet Telefonate, reicht die Informationen weiter und erledigt Schreibarbeiten. Sollte der Kommandeur einen Termin haben, fährt Christian ihn in einer Limousine hin. Vor kurzem gab es auch einen Empfang im Düsseldorfer Rathaus. "Wenn der Kommandeur fahren muss, entfallen alle Pausen und Arbeiten. Termin bleibt Termin." Christian ist von manchen Diensten freigestellt, muss dafür aber rund um die Uhr auch an Wochenenden erreichbar und einsatzbereit sein. ,.Es passiert selten, dass man aus dem Wochenende geholt wird. Der Kommandeur ist so fair und sagt einem die anstehenden Termine." So hat Christian den Kommandeur erst einmal am Wochenende zu einem feucht-fröhlichen Jubiläumsball gefahren und um fünf Uhr morgens wieder nach Hause gebracht. Plötzliche Termine sind nicht sehr angenehm, da man keine Fahrtroute mehr heraussuchen kann und trotzdem zeitig ankommen muss. "Bei der Bundeswehr wird sehr viel auf Zeit gesetzt."
Christian bleibt noch bis Ende Dezember im Dienst und hofft, dass er nicht mehr versetzt wird. Nur eine Woche musste er nach Wuppertal, um den Bundeswehrführerschein für Pkws zu machen. Dieser hat mit dem normalen Führerschein Klasse 3 wenig zu tun. "Ich muss mich in der Technik des Autos auskennen, um notfalls Pannen zu beheben, habe gelernt, wie man sich bei einem Unfall verhält, weiß, welche Flaggen wann an den Wagen anzubringen sind und kann das eingebaute Funkgerät bedienen. Manchmal hat der Kommandeur dringende Gespräche zu führen."
Inzwischen ist Christian Gefreiter und zwanzig Jahre alt. Er könnte den Wehrdienst schon längst hinter sich haben, wenn er früher eingezogen worden wäre. Dieses erfolgte aber erst neun Monate nach dem Abgang vom Gymnasium beziehungsweise sieben Monate nach der Musterung. So musste er seine Ausbildungspläne umdisponieren und arbeitete vor der Einberufung bei Henkel. "Man kann nicht nur zu Hause herumsitzen. Außerdem braucht man Geld."
Christian sagt auch selbst, dass die Bundeswehr ihn verändert habe. Die Ordnung hat sich auf sein Leben übertragen. "Es ist dieser Fimmel, alles zu falten und sauber zu halten." Außerdem hat er jetzt einen gut trainierten Körper und ist fit. Doch leider werden die positiven Aspekte überschattet: Man ist in der Grundausbildung von der Außenwelt abgeschnitten. Beziehungen gehen häufig kaputt, und man wird manchmal aus Arbeit und Ausbildung gerissen." Einem seiner Kameraden geht es finanziell sehr schlecht, da sein Betrieb unbetreut bleibt. Und fünfzehn Beziehungen sind zerbrochen." Du kommst müde am Wochenende nach Hause, hast außer der Bundeswehr nichts erlebt, und 'sie' hat keine Lust mehr auf dieses Thema." So ging es auch bei Christian, selbst wenn er einräumt, dass es bei seiner Freundin und ihm nicht nur wegen der Bundeswehr gescheitert sei." Es gibt Leute, die sich auf den Wehrdienst freuen. Spätestens nach drei Wochen sehen sie ein, dass der Hase woanders läuft. Ich habe mir schon von Anfang an gesagt, tue, was du tun musst. Und mach es gut. Auflehnung und Schnauze aufreißen bringen dir nur Strafen ein." Trotz der schlechten Seiten würde Christian sich wieder für die Bundeswehr entscheiden, kann es aber nicht jedem empfehlen. "Da kommt es ganz auf Charakter und Einstellung desjenigen an." Christians Familie steht hinter ihm und akzeptiert seine Entscheidung für die Bundeswehr. Er bemängelt aber die Intoleranz in der Bevölkerung. "Wenn ich in der Uniform nach Hause fahre, bekomme ich öfters mal einen blöden Spruch gedrückt. Doch die Vorwürfe sind meistens überhaupt nicht stimmig. Ich soll die Leute im Ernstfall verteidigen, sie aber machen mich nur herunter. Das kann sehr demotivierend sein."
Trotz Zeitmangels geht Christian immer noch seinem Lieblingshobby nach. Er sammelt Flugzeuge. Vielleicht sieht er nächstes Wochenende in Frankfurt eine Maschine landen, die er in seinem Katalog noch nicht gestrichen hat.
|